Buchbesprechung: Totale Krise – es grünt so grün
Aus CONTRASTE Nr. 308 (Mai 2010, Seite 14)
Totale Krise – es grünt so grün
»Es ist das kapitalistische System selbst, das die Systemfrage^auf die
Tagesordnung setzt«, lautet der Schlusssatz des neuen Buches des
promovierten Politologen Winfried Wolf, Sieben Krisen – ein Crash. Wolf, im
attac- Beirat und Chefredakteur der neuen Zeitschrift »Lunapark 21«
erweitert somit die reichliche Büchermenge über »die Krise.«
Wolfs Leistung ist nicht zuletzt die eines Kärrners. Kärrnerarbeit
bedeutet: viel Stoff, Zahlen, Daten, Statistiken, Tabellen und Quantitäten.
Dieses statistische Zahlenwerk schafft die Grundlage für seine These der
sieben Krisen: in der Realwirtschaft, in den Schlüsselindustrien IT und
Auto, der Verteilung des Reichtums, der Finanzen, im Nord-Süd-Verhältnis,
der Umwelt und schließlich in der Frage der Weltvorherrschaft.
Wolf fächert die ökonomische Krise auf, deren Kern den Kern der Ökonomie
darstellt: was ist der (ökonomische) Wert, allenfalls begreifbar als
»selbstprozessierender Widerspruch«? Und: wie anders denn als
Klassenverhältnisse lassen sich die tödlichen Hierarchien innerhalb der
Gesellschaften dieses Planeten begreifen? Sowohl die Wert- als auch die
Klassenfrage implizieren etliche andere Krisenverhältnisse, die Wolf recht
genau beschreibt.
Dabei geht er historisch vor. Bereits 1857, 1873 und im viel zitierten
1929 habe es weltweite Wirtschaftskrisen gegeben, die mehrere Jahre
anhielten, Massenelend
mit sich brachten und erst sehr viel später den wirtschaftlichen Stand von
vor der Krise zuließen. Kapitalismus bestehe aus Profitmaximierung und
basiere damit zwangsläufig auf Überproduktion und Überkapazitäten. Das sei
besonders gut zu sehen an den Schlüsselindustrien der Gegenwart, der IT-
und der Auto-Branche. Die Preise können sinken, wie sie wollen, der Bedarf
bleibt konstant, der Konsum erstirbt – und ein paar Kilometer weiter die
Menschen aufgrund Hungers.
Es war zweifelsohne politischer Wille, der Lehmann Brothers in den USA in
der Pleite beließ, es war zweifellos politischer Wille, der die Hypo Real
Estate (BRD) vor dem Absturz rettete. Nord-Süd-Konflikt und Umweltkrise
gehören nach Wolf ganz eng zusammen, beide hätten sich bis zur
(Un-)Kenntlichkeit verschärft.
Neu in dem Gebiet ist, dass auch die Rettungsmaßnahme »Biosprit« nicht
recht funktionieren will. Es werden jetzt Tausende Quadratkilometer
Regenwald für
den angeblich ökologischen Sprit abgeholzt, um Biomais anzubauen. Vorher
war es der Fleischbedarf von Mc Donalds und Konsorten. Alles wie gehabt.
Die Hegemoniekrise beschließt den Reigen. »Chimerika« ist das neue
Zauberwort, Amerika und China zusammen. Die Kriege, die die unbestrittene
Militärmacht Nummer Eins führt, werden nicht mehr von Japan, sondern von
China finanziert. China stellt das Geld bereit, das die USA gerne nehmen
und das letztlich der amerikanische Privatinvestor und Konsument
zurückzuzahlen hat.
Wolf setzt ganz eindeutig auf den »grünen reload«, d. h. die Fortsetzung
des bisherigen Wirtschaftens im ökologischen Rahmen (Energie, Wohnen,
Transport). Er setzt, in seinen Worten, auf die drei Ks: Kinder, Kultur und
Klima. Also auf intelligente Bildung, gemeinschaftsstiftende Kultur und
eine bewusst erlebte und behandelte Umwelt. Ob dieses attac-Szenario
ausreicht?
Zum Schluss erwähnt Wolf Georg Fülberts Loblied auf die Aufklärung:
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wer das anstimmt, sollte die
Horkheimer-Adorno- Weise ihrer Dialektik nicht verpasst haben. Zu dieser
Veranstaltung braucht man noch nicht einmal Karten – da ist alles umsonst,
und zwar für alle. Wäre das real, wäre die Systemfrage beantwortet.
Martin Block
Winfried Wolf: Sieben Krisen – ein Crash, Wien 2009, 253 Seiten, 17,90
EUR, Verlag Promedia, ISBN 978-3-85371-299-3
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