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Hans Jürgen Degen <contraste ät online.de>12. Dec 2011 11:35

Buchbesprechung: Spanisches Tagebuch

Aus CONTRASTE Nr. 308 (Mai 2010, Seite 14)

Spanisches Tagebuch

Arthur Lehning (1899-2000), international renommierter Bakunin-Forscher,
seit 1922 international aktiver Anarcho-Syndikalist, zeitweise Sekretär der
anarcho- syndikalistischen Internationale (IAA), legt einen für die
Forschung über den Spanischen Bürgerkrieg äußerst wichtigen »Bericht« vor.
Und das trotz nur vierwöchentlichen Aufenthaltes 1936.

Die inhaltliche Gewichtigkeit des »Tagebuchs« erschließt sich erst
richtig, wenn man zuvor die instruktive »Einleitung« (mit ihren Anmerkungen
und Literaturverweisen) von Toke van Helmond-Lehning studiert hat.
Helmond-Lehning gibt auch einen Überblick über Lehnings politisches Leben
und Wirken in Deutschland und den Niederlanden. Hinzu kommen
zeitgenössische Faksimile; und hinzu kommt ein im Anhang abgedruckter
Briefwechsel mit meist aktiven (nicht-spanischen) Anarcho-Syndikalisten.
Nur damit kann die sachliche Beschreibung Lehnings des politischen, des
sozialen, des revolutionären Alltags in Barcelona richtig eingeordnet
werden. Zur Selbsteinordnung und zur Untermauerung seiner Eindrücke hat
Lehning in sein Tagebuch immer wieder Passagen aus dem ungemein wichtigen
Spanienbuch Erich Kaminskis (»Barcelona. Ein Tag und seine Folgen«, Berlin
1986) eingeflochten. Dadurch ergibt sich ein geschlossenes Bild der
Erlebnisse und Erfahrungen Lehnings. Nicht zuletzt tragen zu diesem Bild
Lehnings Begegnungen mit spanischen und internationalen anarchistischen
Akteuren bei. Ebenso die Begegnungen mit nichtspanischen Schriftstellern
und Journalisten. Erstaunlich: dies alles während des nur rund fünfwöchigen
Aufenthaltes!

Es ist ein bewusst unliterarisches »Tagebuch«: Das Kolorit der Spanischen
Revolution ist sachlich, ohne Euphorie oder gar Verklärung. Aber mit vielen
Hinweisen zu speziellen Vorgängen und Personen. Diese sind meist nur zu
entziffern, wenn man weiter und tiefer in die Materie einsteigt. Das
»Tagebuch« kann und will das nicht leisten. E. Kaminskis Buch ist dazu
unerlässlich, weil Lehning gerade nur dies heranzieht. All das soll aber
keineswegs besagen, dass das »Tagebuch« nur damit seinen Wert erhält! Das
»Tagebuch« ist alleine ein äußerst wichtiger Beitrag zur sachlichen
Geschichtsaufarbeitung des Spanischen Bürgerkrieges.

Unerlässlich zur Erschließung von Lehnings damaliger politischer Position
ist die in diesem Buche abgedruckte Rundfunkrede aus Barcelona (14.10.1936)
»An die Arbeiter, und antifaschistischen Intellektuellen in den
Niederlanden, Flandern und Indonesien!: Solidarität mit Spanien«. Die
Einforderung der Solidarität dreht sich um den Kernpunkt: Ohne
»nennenswerten Widerstand« hat der Faschismus bisher gesiegt. »Denkt an
Deutschland«. Das hätten die »spanischen Arbeiter begriffen«. Sie haben den
faschistischen Putsch in weiten Teilen Spaniens niedergeschlagen. Zugleich
haben sie die »Unorganisierung der Wirtschaft« in die Hand genommen und
damit die »Soziale Revolution«, die hauptsächlich eine anarcho-
syndikalistische war, in Gang gesetzt.

Lehning war eine imposante Erscheinung. Wer ihm je begegnete (nicht nur in
öffentlichen Veranstaltungen) war fast immer tief beeindruckt von seiner
Ausstrahlung: Hier war ein Charakter! Und überhaupt hätte es A. Lehning
verdient, mehr Beachtung mit seinen Schriften zum Pazifismus,
Anti-Militarismus, Anarchismus, Anarcho-Syndikalismus und Literatur zu
finden. Auch wenn diese Schriften schon oft mehr als siebzig Jahre
zurückliegen.


Hans Jürgen Degen

Arthur Lehning: Spanisches Tagebuch & Anmerkungen zur Revolution in
Spanien. Mit einer Einleitung und Anmerkungen von Toke van Helmond-Lehning.
Aus dem Niederländischen von Martin B. Fischer. Berlin: edition tranvia.
Verlag Walter Frey, 2007, 196 S., ISBN 978-3-938944-04-2


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