Buchbesprechung: Klassismus
Aus CONTRASTE Nr. 317 (Februar 2011, Seite 14)
Klassismus
Kemper und Weinbach verstehen Klassismus als eine Diskriminierungs- und
Unterdrückungsform analog zu anderen -ismen. Diese äußert sich auf
institutioneller, kultureller und individueller Ebene. Klassismusanalysen
hinterfragen die Herabsetzungen und Stereotypen, die mit dem
sozialpolitischen Status einhergehen und dadurch gleichzeitig legitimiert
werden.
Die AutorInnen referieren die Herkunft dieses in Deutschland bislang kaum
benutzten Begriffes aus den USA, wo er aus den Kritiken der feministischen
und der people of color-Bewegung entstanden ist. Im dritten Kapitel stellen
sie ArbeiterInnenkulturen und Klassenbewusstsein vor. Die ArbeiterInnen
oder weiter gefasst, alle die gesellschaftlich »unten« gehalten werden
und/oder renitent sind, waren schon immer Ausschlüssen und
Disziplinierungen ausgesetzt. Nach einem kurzen Streifzug in den Bereich
der Psychotherapie, der zeigt, dass diese vor allem für die »oberen«
Schichten gedacht ist, und auch vorrangig diese sie wahrnehmen, widmen sie
sich weiteren konkreten Beispielen: Bildung, Arbeit, Wohnen, Familie und
(sexuelle) Beziehungen. Hierzulande am dominantesten ist die
Begabungsideologie, medial präsent ist die »Bildungsbenachteiligung«, aber
auch der Elitenreproduktion, der Verteilung der Wohnorte oder dem
Heiratsverhalten ist der Klassismus eingeschrieben. Nur angedeutet wird,
wie bessere Bedingungen für die dringend notwendige Selbstermächtigung der
klassistisch Unterdrückten geschaffen werden können, wenn ihnen die
Selbstanerkennung und die Kompetenzen für Selbstorganisation systematisch
vorenthalten werden.
Kemper und Weinbach haben ein lehrreiches Buch zu einem wichtigen Thema
vorgelegt, das mit neueren Debatten zu queer und zu Intersektionalität
kurzgeschlossen werden kann. Aus ihm kann viel über die Gesellschaft,
ebenso wie über die eigene Biographie gelernt werden. Lesen!!
Bernd Hüttner
Andreas Kemper / Heike Weinbach: Klassismus. Eine Einführung, Unrast
Verlag, Münster 2009, 186 S., 13 EUR
Blog unter
http://klassismus.blogspot.com
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