Buchbesprechung: Körper und Kapital
Aus CONTRASTE Nr. 317 (Februar 2011, Seite 14)
Körper und Kapital
Seit dem Erscheinen des Buches »Empire« von Antonio Negri und Michael
Hardt (2000, deutsch 2002)wird von einer »Renaissance des Operaismus«
gesprochen. Diese aus den Kämpfen gegen die fordistische Fabrik im Italien
der 1960er und 1970er Jahre herrührende Theorie hat sich bis heute
weiterentwickelt und ausdifferenziert. Ihr Ausgangspunkt war der »Kampf
gegen die Arbeit«, der sich später in den Kampf gegen die
»Fabrikgesellschaft« ausweitete. Hier, und in der Figur der
gesellschaftlichen ArbeiterIn der 1970er war schon angelegt, die Sphären
jenseits der Fabrik zu untersuchen, auch dahin, inwieweit sie zur
Kapitalakkumulation einerseits, wie auch für das Leben der Arbeitenden
notwendig sind.
Robert Foltin beschreitet den schmalen Grat zwischen der Schaffung und
Vermittlung neuen Wissens und der Popularisierung bereits Vorhandenem
erfolgreich. Er mixt den post- und neo-operaistischen Ansatz von
Negri/Hardt, Paolo Virno und anderen mit queeren und feministischen
Sichtweisen. Parallel schließt er zusätzlich seine theoretischen Analysen
mit den realen Kämpfen sozialer Bewegungen und einer Untersuchung der
Transformation des Kapitalismus hin zum autoritären Neoliberalismus kurz.
Der Schwerpunkt liegt gleichwohl auf Ideen und Konzepten, von denen Foltin
eine Menge vorstellt und diskutiert, Kämpfe und Konflikte werden eher zur
Illustration herangezogen. Sein Hauptaugenmerk gilt den »inneren«
Verhältnissen in den Gesellschaften des globalen Nordens und den in ihnen
lebenden Menschen, und weniger dem globalisierten Kapitalismus.
In der jetzigen Phase des biopolitischen Kapitalismus ist jedes dissidente
Handeln gleichzeitig in Gefahr, als Trüffelschwein für neue
Verwertungsinteressen des Kapitals zu dienen. Zum Beispiel wurden die
Kämpfe um mehr Lohn und mehr Selbstbestimmung in neue Konzepte von
Gruppenarbeit in der Fabrik oder prekarisierte Formen von Selbständigkeit
transformiert. Foltin liest diese historischen Kämpfe nicht als Niederlagen
oder Verfallsgeschichte. Er plädiert dafür, den Neoliberalismus auch als
Reaktion auf Kämpfe von unten zu verstehen. Die Produktion und das
Verständnis davon haben sich ebenso gewandelt, wie das von Subjektivität.
Stichworte sind hier u.a. die steigende Bedeutung von immaterieller und
affektiver Arbeit, eine Ökonomie, in der mittlerweile das aus Kooperation
entstehende Wissen eine, wenn nicht die wichtigste Produktivkraft ist oder
die Ökonomisierung der Kultur.
Wenn die sozialen Bewegungen den Kapitalismus hin zu mehr Kultur und
Differenz verändert haben, dann geht es darum schneller zu sein, als die
dem Kapital eingeschriebene Tendenz alle Bereiche des Lebens zur Ware zu
machen. Eine an Praxis interessierte Gesellschaftskritik auf der Höhe der
Zeit kommt deswegen an den von Foltin diskutierten Kritiken und Analysen
nicht mehr vorbei, wenn sie mehr sein will, als die
sozialdemokratisch-autoritäre Begleitung des Post-Neoliberalismus.
Foltins Buch ist eine kompakte, preiswerte und gut lesbare Einführung in
diesen Theoriestrang und entwickelt ihn weiter. Heute müsse es, so seine
Schlussthese, »wie 1968 um biopolitische Kämpfe gehen, um
sexuell-kulturelle Revolten, die die sozialen Bedingungen des Alltags
verändern«, denn »das kapitalistische System ist von der lebendigen Arbeit
der Multitude abhängig«. Umgekehrt aber »braucht die Multitude das Kapital
nicht«.
Bernd Hüttner
Robert Foltin: Die Körper der Multitude. Von der sexuellen Revolution zum
queer-feministischen Aufstand, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2010, 192
S., 12,80 EUR
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