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Bernd Hüttner <contraste ät online.de>12. Dec 2011 10:12

Buchbesprechung: Erbe und Tradition der Linken

Aus CONTRASTE Nr. 308 (Mai 2010, Seite 14)

Erbe und Tradition der Linken

Die voluminöse Neuerscheinung in der sogenannten »Roten Reihe« zur
»Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus« zeigt die
Widersprüchlichkeit der Geschichtsarbeit der Linken, nicht nur der Rosa-
Luxemburg-Stiftungen, eindringlich.

Der Zweibänder enthält 26 Beiträge von 24 AutorInnen, die ein weites Feld
aufmachen. Der behandelte Zeitraum reicht von 1848 bis zur Gegenwart, die
vorgestellten Personen vom zeitweiligen KPD-Vorsitzenden Paul Levi über den
im Umfeld des Institut für Sozialforschung wirkenden Arkadij Gurland bis
zum 2008 verstorbenen und langjährigen SPD-Politiker Peter von Oertzen.
Thematisch kreisen die Aufsätze um den Gegensatz oder die Vereinbarkeit von
Demokratie und (sozialistischer) Organisation. Sie bringen in weiten Teilen
der Linken verschüttete Traditionen, vor allem des mit Namen wie Wolfgang
Abendroth, Leo Kofler oder Viktor Agartz verbundenen Linkssozialismus,
wieder in die Debatte. Durch die in erster Linie ereignis- und
organisationsgeschichtliche Herangehensweise verbleibt der Großteil der
AutorInnen in klassischen Bahnen: Die ideelle Gesamtenzyklopädie der
(Theoriegeschichte der) Arbeiterbewegung wird um einige Aspekte erweitert.

So ist dieser Band seltsam widersprüchlich. Im Verhältnis zum
kanonisierten Geschichtsbild der SED und den mangelhaften
Geschichtskenntnissen innerhalb der LINKEN ist er sicher eine Bereicherung
und sehr nützlich. Im Vergleich zur zeitgenössischen Geschichtsschreibung
der ArbeiterInnenbewegung und anderer sozialer Bewegungen, die es ja sehr
wohl gibt, wirkt er etwas antiquiert. Man muss ja nicht gleich vom Theorem
der Negri’schen Multitude ausgehen, aber von einer Kenntnis der Debatten
etwa um global labour history , wie sie nicht nur im Rahmen der
Internationalen Tagung der HistorikerInnen der Arbeiterbewegung (ITH)
geführt werden, ist hier nichts zu spüren. Askekte der transnationalen
Kommunikation, einer Überwindung des am Nationalstaat orientierten
Handlungsraums der Arbeiterbewegung, die Kenntnis, dass es in der
Geschichte eine Vielzahl von handelnden Subjekten jenseits des weißen,
heterosexuellen und sesshaften Mannes gegeben hat, samt allen daraus
resultierenden Widersprüchen für linke Praxis, ist hier schwach
ausgeprägt.

»Geschichte« wird immer noch vorrangig als Identitätsstütze gesehen,
weniger als Anlass zur Verunsicherung. Das, was Themen, Sichtweisen und
Autoren angeht, vorrangiges Agieren in den eigenen Kreisen ist für andere
wenig attraktiv. Unter den AutorInnen des Zweibänders sind drei Frauen,
ebenfalls drei sind unter 45 Jahre alt. Selbst wenn man berechtigterweise
nicht jede postmoderne Mode in den Geschichtswissenschaften mitmachen will,
sollte man sich schon mit Mentalitätengeschichte, der global labour history
oder allgemein den vom cultural turn angestoßenen Fragen widmen.

Nicht zuletzt bleibt zu fragen, was eigentlich zu tun wäre, wenn man die
im Band aufgeworfenen Kritiken und Fragen, etwa zur innerparteilichen
Demokratie, auf DIE LINKE und ihre aktuellen Personaldebatten anwenden
würde. Der Band zeigt, wo die Geschichtsarbeit im Umfeld der LINKEN steht,
dass sie sich noch weiter entwickeln muss und dass ein Verharren in der
viel zitierten »zweiten Geschichtskultur« für die linke Bildungsarbeit
angesichts einer bundesweit agierenden 10-Prozentpartei bei weitem nicht
ausreicht.

Bernd Hüttner

Klaus Kinner (Hrsg.): DIE LINKE – Erbe und Tradition. Teil 1:
Kommunistische und sozialdemokratische Wurzeln, Bd. XI der Reihe , 320 S.;
Teil 2: Wurzeln des Linkssozialismus, Bd. XII der Reihe, 320 S., je 24,90
EUR, Karl Dietz Verlag, Berlin 2010. Band 3 ist in Vorbereitung.


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