Besprechung Stadtspieler
Aus CONTRASTE Nr. 307 (April 2010, Seite 13)
BESPRECHUNG STADTSPIELER
Spielerisch:
Beteiligung im Stadtteil kreativ vorbereiten
Gemeinwesenentwicklung einmal anders: Spielen ist eine der ältesten
Methoden, um Strategien, Interessen und Ideen auszutauschen, zu verhandeln,
Lösungsansätze zu finden und Erkenntnis zu gewinnen – über das Selbst und
über den Anderen. Stadtspieler – so der Name eines neuen Spiels – lädt zur
Mitgestaltung des eigenen Ortes und der eigenen Nachbarschaft ein und kann
dadurch konkrete Entwicklungsprozesse initiieren. Es handelt sich um ein
Brettspiel, das sich als innovatives Instrument in Kommunikations- und
Beteiligungsverfahren in der integrierten Stadtentwicklung einsetzen lässt.
Auch genossenschaftliche Bioenergiedörfer oder Stadtteilgenossenschaften
lassen sich damit spielerisch angehen.
Burghard Flieger, Red. Genossenschaften # »Spiele eignen sich wie kein
anderes Instrument für die Eröffnung neuer Sichtweisen, das Infragestellen
von Routinen und das Ausprobieren von Handlungsalternativen – genau das
braucht die Stadtentwicklung!«, lautet die Einschätzung von Georg Pohl vom
Netzwerk Agens e.V. Die Beteiligung unterschiedlicher Gruppen – Verwaltung,
Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft bis hin zu einzelnen Bürgerinnen und
Bürgern – zählt heute zum erklärten Standard in Stadtentwicklungsprozessen:
In vielen Fällen wird dieser aber nicht befriedigend eingelöst. Immer
wieder stellt sich die Frage, wie die zahlreichen Akteure fürs Mitmachen
und Einmischen zu gewinnen sind und wie die Kommunikation zwischen ihnen
gelingen kann.
Spielbeschreibung
Stadtspieler ist ein strategisches Brettspiel für vier bis sechs Personen.
Es wird auf einem fiktiven Stadtplan als Spielfeld gespielt. Auf ihm sollen
die Spieler eine Stadt frei nach Ihren Wünschen, Ideen und Vorstellungen
bauen – aus Knete werden Ideen zu Bauwerken oder Figuren geformt.
Stadtspieler schlüpfen dabei in verschiedene Rollen. Mal bauen sie als
Investor ein Gebäude, mal besuchen sie als Bewohner einen Nachbarn, mal
beschreiben sie als Stadtplaner die Situation. Die Spieler bauen, erfinden
Geschichten und setzen sich mit den Vorschlägen der Mitspieler auseinander.
Ein Spieler beobachtet den Ablauf. Das Spiel verläuft in vier Phasen: In
Phase 1 machen sich die Spieler mit den Vorgaben des Spiels vertraut und
jeder Spieler baut eine erste Figur oder ein Gebäude. Die 2. Phase ist die
längste: Jetzt wird abwechselnd gebaut, besucht und berichtet. Stück für
Stück wächst auf dem Stadtplan eine Stadt. In der 3. Phase betrachten alle
die entstandene Stadt mit Abstand: Welches ist das Gebäude mit dem größten
Zukunftspotenzial? Am Ende der 4. Phase wird der Meisterspieler gewählt.
Die Gruppe beendet das Spiel – und diskutiert mit den Aufzeichnungen des
Spielbeobachters das Erlebte und die Ideen. Spieldauer: 90 Min., Spieler:
4-6, Alter der Spieler: 10 bis 99.
Breite Anwendung
Mit seinem spielerischen Ansatz schafft Stadtspieler einen leichten Zugang
zu Themen der Stadtentwicklung und erhöht die Motivation der beteiligten
Personen, miteinander zu diskutieren. Die Grundversion des Spiels wird
ergänzt durch ein Handbuch und einen Film. Sie ist so angelegt, dass sie
sich auf verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen (Region, Stadt, Stadtteil,
Nachbarschaft) und in unterschiedlichen thematischen Kontexten
(Jugendarbeit, lokale Agenda etc.) anwenden lässt.
Für eine Stadtteilgenossenschaft oder eine genossenschaftlichen
Ökosiedlung könnte das Spiel beispielsweise etwa folgendermaßen aussehen:
Auf der Grundplatte des Stadtteils kneten die Spieler Gebäude, Grünflächen
u.a. und werben um Gunst und Besuch der Bewohner. Werden für einen
lebendigen Ort mehr Gemeinschaftsflächen oder Gewebe gebraucht oder ein
origineller Spielplatz? Allein der Bau aus Knete reicht nicht aus, um die
Mitspieler in die eigenen Bauten zu locken. Durch Werbung füllen die
Spieler ihre Kreationen auch mit Inhalten. Im ständigen Rollenwechsel
schaffen sie gemeinsam ihren eigenen Ort aus Phantasie und Strategie!
Erlebt wird das vielgestaltige Beziehungsgefüge der Stadtteilgenossenschaft
und ihrer Aufgaben sowie der Austausch der Spieler zu ihren
unterschiedlichen Sichtweisen zu Wohn- und Lebensqualität. Der spielerisch
abgebildete Wunsch – z.B. eines Bürgertreffs, gemeinsamer Arbeitsräume oder
individueller Rückzugsmöglichkeiten – kann so zum Impuls für die Umsetzung
eines gemeinsamen Projekts vor Ort werden.
Tolle Grundlage
Durch den Film werden verschiedene möglich Spielversionen und -verläufe
gezeigt. Entsprechend ermutigt das Set aus Brettspiel, Handbuch und Film
die Mitwirkenden, individuelle Spielversionen für den eigenen Ort und
eigenen Kontext zu fertigen. Für jede Spielversion können also das Thema
und der Schwerpunkt der spielerischen Auseinandersetzung selbständig
festgelegt werden. Beim Einstieg benötigen Anfänger naheliegenderweise
etwas länger, bis sie den Ablauf verstehen. Dann aber fällt es immer
leichter für das vereinbarte Spielszenarium die verschiedenen Schwerpunkte
zu entwickeln. Wenn sie gesetzt sind, verändern sich zwangsläufig die
lokalen Gegebenheiten und die Mit-Spieler (Bürger, Planer, Investoren)
müssen reagieren. Das Ergebnis kann eine tolle Grundlage für die
Aktivitäten in der nicht so spielerischen Wirklichkeit sein.
Autorenteam: Georg Pohl, Ronald Scherzer-Heidenberger,
Till Brömme, u.a.: stadtspieler, 59 EUR
pro Spiel, zuzüglich 10 EUR Versandkosten.
Bezugsadresse:
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