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Dieter Poschen <contraste ät online.de>17. Dec 2011 14:48

9 Jahre im Lager

Aus CONTRASTE Nr. 313 (Oktober 2010, Seite 4)

INTERVIEW

9 Jahre im Lager

Daniel* lebt in einem Flüchtlingslager im Land Brandenburg. Wir trafen uns
dort zu einem Interview, um über sein Leben im Lager und seine Erfahrungen
als Flüchtling mit Duldungsstatus in Deutschland zu sprechen.

? Willst du uns erzählen, seit wann du hier lebst und wie es für dich ist,
hier zu leben?

Ich lebe seit neun Jahren hier ... ganz schön lange. Ich habe hier mit
meiner Freundin und unserem Kind gelebt. Wir lebten drei oder vier Jahre
zusammen. Dann haben wir uns getrennt. Sie ist nach Berlin gezogen und ich
bin hier zurück geblieben. Seit damals lebe ich manchmal in Berlin,
manchmal in Brandenburg. Ich soll hier in Brandenburg bleiben. Ich soll
nicht ohne Genehmigung von hier weggehen, wegen der Residenzpflicht. Aber
manchmal hab ich das trotzdem gemacht, weißt du. Weil... hier im Heim zu
sitzen ist sehr schwierig. Zum verrückt werden. Und die Leute, die ich hier
im Ort treffe, die sind nicht sehr freundlich, es sind keine Leute mit
denen du dich treffen kannst. Verstehst du? Also, solange ich hier gelebt
habe ging es jedenfalls nicht gut. Deshalb versuche ich an andere Orte zu
gehen, um dort Freunde zu finden.

? Kannst du das Lager ein bisschen beschreiben, für Leute, die das nicht
kennen?

Zum Beispiel, jedes mal, wenn ich das Gebäude verlassen möchte muss jemand
einen Knopf für mich drücken, damit sich die Tür öffnet und ich raus kann.
Das gibt mir das Gefühl, ständig beobachtet zu werden, weißt du. Ich bin
nicht frei. Weil jemand zählt, wie oft ... okay, vielleicht ist er oder sie
gar nicht daran interessiert, aber: jedes mal wenn ich komme oder gehe,
muss ein Knopf gedrückt werden, das nervt, verstehst du. Es ist keine gute
Idee, denke ich. Außerdem ist es Leuten verboten, ins Gebäude zu kommen, um
Kontakt mit uns aufzunehmen. Sie müssen den Namen der Person nennen, die
sie besuchen wollen und ihren Pass vorzeigen. So ist es. Es ist schwierig
für mich, hier zu leben. Wenn ich morgens aufwache, sehe ich Inder, die
andere ist aus Afghanistan, der andere vielleicht aus Kamerun oder so
etwas. Wir treffen hier nur andere Flüchtlinge. Und wir sind in
Deutschland! Das gibt dir das Gefühl als wärst du ... als wärst du im
Gefängnis. Wenn wir in normalen Wohnungen zusammen leben, wachen wir
morgens auf, treffen Deutsche, vielleicht Russen oder so, verstehst du. Ich
denke, das wäre besser. Aber hier im Heim leben, ich denke, das ist ein
bisschen menschenverachtend, Leute an so einem Ort. Es ist kein Gefängnis,
aber für mich sieht es aus wie eins. Solche Einrichtungen sollten
geschlossen werden.

? Welche Erfahrungen hast du mit Leuten aus der Gegend gemacht?

Oh, sie sind unfreundlich. Deshalb leben die Leute nur hier im Heim und
gehen nicht raus, um mit ihnen zu reden. Wenn sie freundlich sind, leben
sie nicht in der Nähe. Es ist sehr schwierig für mich, in Brandenburg zu
leben. Besonders für mich als Afrikaner. Menschen sehen, dass ich ein
Schwarzer bin und sie verhalten
sich anders. Es gibt ein bisschen Diskriminierung. Du kannst es auf ihren
Gesichtern sehen. Diese Leute sind nicht bereit, sich mit dir zu treffen.
Als hätten sie Angst mit dir zu reden. Du läufst herum und keiner sagt
Hallo zu dir. Du gehst irgendwo hin da draußen und sie sehen dich an als
... als ... als ob du anders als sie wärst, verstehst du? Das meine ich.

? Gibt es Probleme mit Gewalt gegen Leute aus dem Heim?

Ja, es gab ein paar Fälle. Ein paar Leute sind angegriffen worden.
Vielleicht, wenn sie ausgegangen sind in Clubs oder wenn sie einfach rum
gelaufen sind.

? Was würdest du sagen, sind hier die Hauptprobleme für dich?

Hauptprobleme? Mein größtes Problem ist die Ausländerbehörde. Weil, wie
ich dir schon erzählt habe, mein Kind in Berlin lebt. Und es ist ein
Problem für mich, meine Tochter regelmäßig zu sehen. Wegen der
Residenzpflicht soll ich nicht ohne Erlaubnis nach Berlin. Also muss ich
jedes mal, wenn ich meine Tochter sehen möchte, zur Ausländerbehörde, um um
Erlaubnis zu fragen und einen Urlaubsschein zu bekommen, der es mir
gestattet, nach Berlin zu gehen. Aber wenn ich zur Ausländerbehörde gehe,
kann ich nur drei Tage im Monat bekommen. Verstehst du? Und wenn ich mit
meinem Anwalt rede, sagt er, dass ich regelmäßigen Kontakt zu meinem Kind
haben muss, damit er für meinen Fall kämpfen und eine
Aufenthaltsgenehmigung für mich erreichen kann. Und ich muss beweisen, dass
ich meine Tochter regelmäßig sehe, weißt du. Und die einzige Möglichkeit
das zu tun, ist durch einen Urlaubsschein der Ausländerbehörde. Und genau
diese Leute sagen mir, dass ich nur drei Tage bekommen kann! Was sind schon
drei Tage, um mein Kind zu sehen? Das reicht nicht. Denk an dein eigenes
Kind. Jemand sagt dir, du darfst dein Kind nur drei Tage sehen. Jemand
anderes sagt dir, du musst dein Kind regelmäßig sehen, um deinen Fall zu
stärken. Verstehst du? ... Also, das verwirrt mich ... Außerdem ist es
wirklich schwierig, immer nach Berlin zu fahren, weißt du. Ich bekomme nur
200 Euro pro Monat. Ich kann es mir nicht leisten oft nach Berlin zu
fahren. Und ich bekomme keine Unterstützung vom Sozialamt. Das macht mein
Leben sehr kompliziert.

Und ich nehme an, dass du keine Arbeitserlaubnis hast?

Hab ich nicht. Ich darf nicht arbeiten. Du kannst dir die Situation
vorstellen. Du arbeitest nicht. Du darfst dein Kind nicht sehen. Es ist
sogar peinlich, dutriffst dein Kind, du hast nicht mal Geld, um ihm
irgendwaszu kaufen. Verstehst du? Weißt du, die Kinder gehen zur Schule,
treffen andere, die kennen die Situation nicht. Sie hören Geschichten wie:
mein Vater hat mir das und das gekauft. Also wird sich das Kind fragen,
warum macht mein Vater das nicht? Das Kind wird denken, Papa mag mich
nicht, deshalb kauft er mir dies und jenes nicht. Also wird die Situation
sehr schwierig.

? Was passiert, wenn du ohne die Genehmigung der Ausländerbehörde nach
Berlin fährst?

Ich bekomme genau das Problem, dass ich gerade versuche zu lösen. Ich
komme vor Gericht, ich werde verurteilt und dafür bestraft ohne Erlaubnis
in Berlin gewesen zu sein. Die Polizei hat mich am Bahnhof kontrolliert und
jetzt muss ich für drei Monate hier im Heim Arbeitsstunden ableisten, weil
ich ohne Genehmigung in Berlin war, weil ich ohne Genehmigung meine Tochter
besucht habe.

? Was wären deine Forderungen um die Situation von Flüchtlingen in
Deutschland zu ändern?

Die Sache mit der wir anfangen müssen, ist diese Residenzpflicht. Das ist
der erste Schritt. Jedes mal wenn ich irgendwo hin möchte, muss ich
jemanden um Erlaubnis fragen. Jedes Mal, wenn ich euch treffen will, muss
ich schreiben, wieso ich zu euch komme. Und ich muss eine Adresse angeben,
wohin ich gehe und von wann bis wann. Das macht das Leben von Flüchtlingen
sehr, sehr hart. Sehr, sehr hart. Weil ich, wenn ich niemanden in Berlin
kenne, niemals irgendwohin komme, weißt du. Ich muss jemanden kennen und
wenn ich die Adresse nicht weiß, bekomme ich niemals die Genehmigung zu
gehen. Wenn wir nur die Residenzpflicht abschaffen, dann denke ich, wird
einiges besser. Menschen nur das Recht auf Bewegungsfreiheit zu geben. Ja,
das ist das wichtigste. Das wird Leuten Wege eröffnen, sich zu integrieren.
Wir müssen uns integrieren. Und das denke ich, wird die Mentalität der
Deutschen ändern. Weil wir Ideen austauschen können, wenn ich mit dir rede
und du mit mir. Aber wenn du nicht weißt, wer ich bin und ich nicht weiß,
wer du bist, weil wir uns nicht treffen sollen, macht das alles schlimmer.
Aber durch reden, verstehst du, zu allen freundlich sein, das kann Dinge
verbessern. Außerdem denke ich, wenn wir da draußen sind und in
Wohngemeinschaften leben und nicht im Heim, das wäre schon besser.

? Ist es Flüchtlingen möglich, gegen diese Unterdrückung zu kämpfen? Gibt
es Wege? Ist es dir zum Beispiel möglich, einen Anwalt zu bekommen oder
wird dir das auch erschwert?

Wenn ich einen Anwalt kriege, kann ich nur versuchen, für meinen Fall zu
kämpfen. Es ist unmöglich, so ein Gesetz zu bekämpfen. Ich kann dieses
Gesetz nicht allein bekämpfen. Ich brauche Deutsche und ich brauche andere
Flüchtlinge ... Ich brauche alle. (lacht) Ja, weil das Unterdrückung ist.
Keinem würde das gefallen, nicht mal den Leuten, die dieses Gesetz gemacht
haben, wenn du es auf sie anwenden würdest. Es macht sich einfach nicht
gut.

* Name geändert

Nachdruck aus: NO!LAGER INFO, Bündnis Gegen Lager Berlin/Brandenburg, Nr.
1 Sommer/2010,
http://daneben.blogsport.de/2010/08/04/nolagerbroschuere-zur-residenzpflicht-erschienen/

Kasten:

BEWEGUNGSARBEITER FÜR DIE RECHTE VON FLÜCHTLINGEN

Die Bewegungsstiftung unterstützt neun VollzeitaktivistInnen durch ein
Patenschaftssystem. Zwei von ihnen kämpfen für die Rechte von
Flüchtlingen:

Bruno Wantara

Das politische Ziel von Bruno Watara: »Ich möchte, dass Flüchtlinge in
Deutschland wie Menschen behandelt werden – mit Respekt.« Er wurde 1963 in
Togo geboren und ist dort aufgewachsen. Als Student engagierte er sich
politisch und musste fliehen, 1997 kam er nach Deutschland und wurde in ein
Flüchtlingslager in Mecklenburg-Vorpommern geschickt. Diese
heruntergekommene Militärkaserne mitten im Wald nennt er das
»Dschungelheim«: »Ich war sieben Jahre an diesem Ort – ohne Kontakt nach
außen, ohne Perspektive, ohne zu wissen, was morgen kommt. Man fühlt sich
wie gefesselt.« Heute reist er durch ganz Deutschland, besucht Lager und
hält den Kontakt zu den Flüchtlingen. Er engagiert sich in Initiativen und
Organisationen, zum Beispiel »The VOICE Refugee Forum«. Er wird
weitermachen
– bis Flüchtlinge mit dem Respekt behandelt werden, den sie verdienen.

Hagen Kopp

Hagen Kopp engagiert sich in der Antirassismusbewegung und unterstützt
Flüchtlinge und MigrantInnen bei ihrem alltäglichen Kampf um ein
Bleiberecht und soziale Rechte. Er ist seit Ende der 1970er Jahre aktiv in
sozialen Bewegungen, zunächst in den Bereichen Antimilitarismus und
Ökologie, seit Ende der 80er Jahre mit Schwerpunkt auf Antirassismus und
Migration. Seit 1992 unterstützt er den täglichen Kampf von Flüchtlingen
und MigrantInnen für ihren Aufenthalt und ihre sozialen Rechte. Er ist
Mitbegründer des bundesweiten Netzwerks »kein mensch ist illegal« und hat
in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche »Nobordercamps« mit organisiert.

BewegungsarbeiterInnen erhalten ihr Geld nicht von der Bewegungsstiftung,
sondern von einem Kreis von UnterstützerInnen:

www.bewegungsstiftung.de/bewegungsarbeiter.html


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CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung für
Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als monatliches
Sprachrohr und Diskussionsforum.

Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen Lebensbereichen
breit macht, wird hier regelmäßig aus dem Land der gelebten Utopien
berichtet: über Arbeiten ohne ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben,
alternatives Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele andere
selbstorganisierte und selbstverwaltete Zusammenhänge.

Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt, nützliche Infos
über Seminare, Veranstaltungen und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.

CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und ein Spiegel
dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen Berichte, Diskussionen und
Dokumentationen erfolgt undogmatisch und unabhängig. Die RedakteurInnen
sind selbst in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten
ehrenamtlich und aus Engagement.

Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und kostet im
Abonnement 45 EUR. Wer CONTRASTE erstmal kennenlernen will, kann gegen
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