20 JAHRE CARL-VON-OSSIETZKY-BUCHHANDLUNG FLENSBURG
Aus CONTRASTE Nr. 312 (September 2010, Seite 6)
20 JAHRE CARL-VON-OSSIETZKY-BUCHHANDLUNG FLENSBURG
»... auch die Herzensangelegenheiten der Szene pflegen«
?Wie fing es vor 20 Jahren an?
Henning Nielsen: Vor 20 Jahren gab es in Flensburg den Buchladen
»Tigerberg«, unsere Flensburger linke, alternative Buchhandlung, eine
10-jährige konstante wenn auch immer arg krisengebeutelte Institution. Der
Buchladen konnte nur mit größeren Krediten u.a. vom »Netzwerk« überleben.
Um diese Zeit gab es einen Wechsel im Buchladen-Kollektiv. Die neuen Leute
waren junge Autonome, überwiegend Schüler. Denen war der Laden sozusagen
»vor die Füße geworfen« worden, sie hatten eine Einarbeitungszeit von
gerade ein, zwei Wochen. Sie stellten allerdings fest, dass sie einen Laden
übernommen hatten, der völlig überschuldet war. Von Büchern hatten sie kaum
Ahnung, sie wussten deshalb nicht, wie sie aus den Schulden rauskommen
sollten. Als ersten Schritt haben sie im Sommer 1989 versucht, daraus einen
Plattenladen zu machen. Sie merkten aber schnell, dass man mit Platten noch
weniger als mit Literatur verdienen kann. Sie
haben es wieder rückgängig gemacht und dann tauchte in der »taz« im Herbst
1989 die Anzeige auf: »Buchladen zu verschenken«. Ich dachte, das kann
nicht angehen.
Es stand sonst nichts dabei, nur die Telefonnummer kam uns allen bekannt
vor.
Es gab in den Tigerberg-Jahren die Konstruktion, dass auf der einen Seite
das Laden-Kollektiv die Fäden in der Hand hielt, organisiert als
eingetragener Verein, und es gab einen hin und wieder tagenden
»Unterstützerkreis« aus der linken Szene. Dazu gehörten verschiedene
Einzelpersonen und Mitglieder aus Initiativen, usw. Aus diesen Kreisen kam
die Reaktion »Nein, verschenken, das geht nun gar nicht.« Es ging auch um
praktische Fragen, dass dort z.B. Anwälte ihre Fortsetzungen drüber laufen
hatten und keine Lust hatten, alles umzuorganisieren.
Einer von ihnen sagte mir – ich war gerade arbeitslos:»Du musst jetzt
Buchhändler werden.« Ich hatte auch keine fachliche Vorbildung, gehörte
»nur« zum Unterstützerkreis. Ich habe dann in Hamburg in der
»Gegenwind«-Buchhandlung ein paar Wochen ein Praktikum gemacht und mir
einen Grundstock von Kenntnissen angeeignet, ein Konzept mit einigen
Freunden entwickelt und bin dann ins kalte Wasser gesprungen. Wir haben
eine Kommandit-Gesellschaft gegründet, die den »Tigerberg« übernommen hat.
Einige haben mir damals geraten, weil der Laden so verschuldet war, ihn
lieber pleite gehen zu lassen. Aber dann hätten wir die Räume nicht
gekriegt, und das war damals aus unserer Sicht das Wichtigste. Der Laden
hatte immerhin eine Nähe zur Einkaufsstraße, er hatte vorher schon
verschiedene Standorte am Burgplatz und in der Norderstraße ausprobiert,
das hatte alles erheblich größere Nachteile. Wir waren froh, dass wir so
dicht dran waren.
Wir wollten eigentlich eine GmbH gründen, aber das dafür nötige Geld
kriegten wir am Anfang nicht zusammen. Deshalb kam es zu einer
Kommanditgesellschaft, die wesentlich undemokratischere Rechtsform: Die
GesellschafterInnen geben ihr Geld, sonst haben sie mit den Abläufen wenig
zu tun, und der Komplementär, der »persönlich haftende Gesellschafter« ist
der Alleinentscheidende. Aber er ist auch der Dumme, wenn es schief geht.
?Und das warst Du dann?
Ja. Unser Konzept sah vor, auf der einen Seite die politischen Ansprüche
des »Tigerberg« nicht fallen zu lassen. Auf der anderen Seite wollten wir
uns aber auch als normale Buchhandlung etablieren, uns die Möglichkeit
erarbeiten, andere Kreise anzusprechen. Wir wollten Schulen und die
Universität, damals noch die PH, als Kunden gewinnen, außerdem wollten wir
für ein interessiertes literarisches Publikum eine Adresse werden. Es gab
viele Hindernisse, weil es schwer war, vom alten engen »Szene«-Image
loszukommen. Daher waren die ersten Jahre ein Hürdenlauf, bei Institutionen
war Vertrauen verloren gegangen, um es mal so zu sagen. Wir haben bei der
Uni unheimlich lange gekämpft, um von dort auch Bestellungen zu bekommen.
Es kam damals ein neuer PH-Professor aus Würzburg, sehr engagiert, der
wollte, dass seine Bücher bei uns bestellt werden. Es gibt zum Einstieg in
diesen Einrichtungen immer einen größeren Sonderetat, aber die Leiterin der
Bibliothek sagte, sie müsste sich den Laden erst mal angucken bevor sie
dort bestellen würde. Aber er lag nie auf ihrem Heimweg, sie hat es nie
geschafft, nur einen Blick hineinzuwerfen. Prof. B. erzählte, er sei noch
nie so auf Granit gestoßen wie hier in Flensburg. Aber irgendwann trudelten
»versuchweise « die ersten Aufträge ein, und seitdem sind wir ein normaler
Lieferant wie andere auch.
? Wie viele Jahre hat es gedauert, bis Du sicher warst, der Buchladen
existiert wirklich?
Ende der 90-er Jahre haben wir besseres Fahrwasser erreicht, aber
Flensburg ist und bleibt ein schwieriges Umfeld, es gibt eine vielfache,
etablierte Konkurrenz, die auch nicht schläft und irgendwelche Nischen für
uns übrig lässt. Die Lage in einer Nebenstrasse war ein weiteres Handicap.
Wir sind seit zwei Jahren hier in der Fußgängerzone, anfangs sah es sehr
rosig aus und wir haben damit umsatzmäßig einen enormen Sprung gemacht –
leider jetzt auch in den Kosten. Seitdem hier eine Mieterhöhung wirksam
ist, müssen wir wieder kämpfen. Wir werden ja auch alle nicht jünger,
deshalb muss es einfach gehen, weil es keine Alternative mehr gibt. Heute
ist es so, dass wir das Buchhandelsgeschäft zu zweit machen. Ich bin
Geschäftsführer, Andrea ist hier angestellt. Wir sind beide immer noch sehr
motiviert, die Lust auf die Literatur ist geblieben! Aber in Flensburg ist
alles sehr zentralisiert. Das geschäftliche Leben tobt dort hinten am Holm,
und hier in der Großen Straße, der Fortsetzung, passiert weniger
bei einem enorm hohen Mietniveau. Seit der Sanierung der Fußgängerzone vor
2 Jahren ist dieser Teil der schönere Teil der Fußgängerzone, im Sommer
haben wir mehr Touristen, weil es hier die besseren, netteren Cafés gibt.
Aber die Hauptkundenströme konzentrieren sich auf das Zentrum, und das
liegt ein paar Hundert Meter entfernt. Und alle können alles bedienen: Wer
ein Buch bestellen will, kann es überall bestellen, sie oder er muss es
nicht in der »Carl-von-Ossietzky-Buchhandlung« bestellen.
? Wie ist das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Leuten aus der Szene, die
bei Euch einkaufen, und Laufkundschaft oder Touristen, die zufällig hier
rein geraten, wenn Du die Situation vor 20 Jahren mit heute vergleichst?
Wir sind aber immer der Buchladen für die alternative oder linke Szene
geblieben. Wir sind auch stolz darauf, das zu sein und auch nach wie vor
die Herzensangelegenheiten der Szene zu pflegen. Aber schon im
Heiligengeistgang haben wir mehr von den Krimilesern gelebt als von denen,
die politische Bücher haben wollten. Politik war am Umsatz immer ein
verschwindender Anteil, selten über fünf Prozent. Wir haben immer weitaus
mehr von literaturinteressierten Menschen gelebt nd von Institutionen wie
Schulen und Hochschulen. Heute haben wir durch die bessere Lage zusätzlich
mehr Laufkundschaft. Es entdecken mehr Literaturinteressierte, dass wir das
anspruchsvollere Programm anbieten. Und wir haben jetzt, wie die Meldorfer
seit zwei Jahren, ein »Sommergeschäft« mit Touristen, das ist eine sehr
erfreuliche, notwendige Entwicklung.
? Welche Rolle spielen heute die Unterstützer der Buchhandlung?
Die sind zum großen Teil Gesellschafter geworden, aber das schon seit
Jahren. Wir sind sehr froh, dass uns fast alle die Treue halten. Nur ganz
Wenige sind aus persönlichen Gründen ausgeschieden oder sind weggezogen.
Unser nächstes Umfeld, unser Stammpublikum ist uns enorm wichtig, weil das
unser Standbein ist, ohne die geht es nicht.
? Aber die Gesellschafter sind politische Anteilseigner, also legen ihr
Geld nicht wegen der Rendite an?
Genau sie haben ihr Geld hier angelegt, damit das Projekt existiert. Die
Rendite hängt vom Jahresergebnis ab und da haben sie über die 20 Jahre eher
finanziell
zugesetzt.
? Was macht die Buchhandlung denn außer Bücher zu verkaufen?
Nach wie vor organisieren wir Lesungen. Es hängt allerdings davon ab, was
einem angeboten wird, welche Möglichkeiten sich ergeben. Lesungen sind für
uns eine Werbemaßnahme, wir setzen dabei finanziell zu. Es gibt nur ganz
wenige Veranstaltungen, aus denen wir plusminus Null herausgekommen sind,
zum Beispiel früher mit Rafik Schami oder Dorothee Sölle, also mit
bekannteren Autorinnen und Autoren. Zum Umzug haben wir vielleicht etwas zu
anspruchsvolle literarische, politische Veranstaltungen mit Clemens Meyer
und anderen gemacht. Die waren inhaltlich sehr gut, aber schlecht besucht.
Auch eine politische Veranstaltung wie zum Beispiel mit Karl-Heinz Delwo
ist kein Selbstgänger: Eine wunderbare Veranstaltung,aber leider kamen nur
10 Leute.
In den letzten Jahren fällt auf: Wir können nicht einfach nur eine Lesung
machen, wir müssen daraus ein richtiges Event zelebrieren. Wir müssen etwas
Unterhaltsames drum herum organisieren, es reicht für ein größeres Publikum
nicht, wenn jemand »nur« liest.
Unser letztes Highlight war eine Lesung mit Edgar Hilsenrath. Wir hatten
ihn bereits im Gründungsjahr 1990 ins »Volksbad« eingeladen, und 2008, ein
halbes Jahr nach dem Umzug, haben wir ihn zusammen mit seinem Verleger
wieder eingeladen. Er ist inzwischen sehr alt, aber sehr hellsichtig und
sehr klar. Mit leiser Stimme, aber trotzdem sehr bestimmt hat er aus seinen
jüngsten Werken vorgetragen. Diesmal hatten wir einen Sponsor gefunden, da
sind wir finanziell solide rausgekommen, aber das ist die Ausnahme. Wir
möchten gerne das machen, wozu wir auch Lust haben, aber das finanzielle
Risiko ist nur schwer zu (er-)tragen: Zu unserem Jubiläum machen wir eine
szenische Lesung mit zwei guten Schauspielern über das Leben von Erika und
Klaus Mann, ich bin sicher das wird
eine wunderbare Veranstaltung, aber ich fürchte auch: ein finanzielles
Desaster.
? Worin besteht heute das Politische am Laden?
Auf der einen Seite haben wir nach wie vor einen großen Bereich von
aktueller politischer Literatur, also z.B. zur Finanzkrise, zur belasteten
deutschen Vergangenheit, zum Thema Umwelt, zur Migration – alles was
aktuell interessiert. Darüber hinaus haben wir Ansprüche an die »schöne
Literatur«, die Romane und Erzählungen. Wir führen natürlich auch
»leichtere « Literatur, wobei die Bemessungsgrenze bei jedem anders ist.
Der eine findet dieses unter Niveau, die andere jenes. Für einige sind
schon Krimis an sich unter Niveau, das ist natürlich immer relativ. Wir
sehen schon zu, dass unsere politischen Interessen sich auch in der
Belletristik wieder finden lassen.
? Gibt es spezielle Kontakte zu anderen Buchläden in Schleswig-Holstein,
zum Beispiel Meldorf und Kiel?
Das ist alles eingeschlafen. Man kennt sich persönlich, aber es gibt keine
speziellen Kontakte mehr, vielleicht liegt das auch daran, dass wir alle
spezifische Bedingungen vor Ort haben, die sich nicht einfach vergleichen
lassen. Wenn ich da bin, gucke ich gerne rein, aber das gilt generell für
alle kleineren oder spezielleren Buchhandlungen.
? Wie sind die Kontakte zu anderen Buchhandlungen in Flensburg? Seid Ihr
Außenseiter oder seid Ihr als Kollegen akzeptiert?
Da gibt es keine Probleme. Überall haben Generationswechsel stattgefunden.
Kontakte zu großen Häusern wie Weiland gibt es kaum, zu einzelnen
Angestellten vielleicht und bei den alteingesessenen Läden kennt man sich
gut.
? Welche Bedeutung hat dieser Buchladen für die Szene?
Bei Aktionen ist dies natürlich die erste Anlaufadresse. Jetzt bei der
Menschenkette, von Krümmel nach Brunsbüttel, gab es hier wie auch in den
Bio-Läden die Busfahrkarten, aber die meisten Karten wurden hier verkauft.
Auch bei Antifa-Demos, mit der Fördebande oder Antifa-Bündnissen, sind wir
immer der Anlaufpunkt, wo die Busfahrkarten angeboten werden, zuletzt bei
der Fahrt nach Dresden.
? Wie sieht die Zukunft aus?
Je mehr die gegenwärtige Krise in den Alltag vorrückt, desto mehr berührt
sie uns auch. Die Leute sind vorsichtiger, auch wenn sie aus meiner Sicht
vielleicht
das Geld hätten, gehen sie sorgfältiger mit ihrem Geld um. Man hört wieder
öfter »Ich warte auf die Taschenbuch-Ausgabe.« Auch die öffentlichen
Einrichtungen sind ein Problem. Studenten kaufen immer weniger Bücher, sie
leben heute von »Skripten«, zusammenkopierten Readern und vom Internet. Und
die Technik- Bereiche von der FH sind an uns schon immer vorbei gegangen,
die haben die großen Buchhandlungen schon immer besser bevorratet. Und dass
eine Studentin, ein Student ein grundlegendes Buch zur
Erziehungswissenschaft kauft, ist leider eher die Ausnahme geworden.
Gerade weil wir inzwischen gute Kontakte zur Zentralen Hochschulbibliothek
haben, hat es für uns eine immense Bedeutung, wenn die neue Landesregierung
die Uni zur PH zurückstufen würde. Es gibt keine sichere Bank für die
Zukunft. Und wie der Markt sich entwickelt, kann man auch nicht
vorhersagen. Es bleibt schwierig.
Interview: Reinhard Pohl
Aus: Gegenwind – Politik und Kultur in Schleswig-Holstein und
Mecklenburg-Vorpommern, Nr. 261, Juni 2010
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