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Wolfgang Ratzel <contraste ät online.de>26. Dec 2011 16:26

ÜBERLEBEN IN GHETTOS UND SLUMS – TEIL 3

Aus CONTRASTE Nr. 314 (November 2010, Seite 3)

ÜBERLEBEN IN GHETTOS UND SLUMS – TEIL 3

Wie den Slums entkommen?

Alle wollen raus aus ihrem Slum, und alle wollen hinein in die Zonen der
Normalität. Dorthin, wo in ruhigen und sicheren Straßen die Bungalows
stehen, mit Doppelgarage und Rasen; mindestens aber in Mietwohnungen. Das
ist weltweiter
Slum-Konsens – die Goldene Regel Nr. 1, der fast 1 Milliarde
SlumbewohnerInnen folgen. Aber niemand schafft es zu entkommen – fast
niemand: Einmal im Slum – immer im Slum? Ist das die Goldene Regel Nr. 2?

Von Wolfgang Ratzel, Berlin # Entkommen kann mensch auf dreierlei Art:
Durch individuelle oder kollektive Flucht. Oder durch die Aufhebung, besser
noch Verhinderung von Slums. Denn der sicherste Ausweg aus den Slums
besteht darin, gar nicht erst hinein zu müssen.

Individuelle Flucht – oder: Träume sind Schäume

Flash southward: Stell dir vor, du wachst in einem Slum des Südens auf.
Welchen Gedanken denkst du zuerst? Wie und wo und womit verdiene ich heute
Geld? Das ist die Frage aller Fragen. Und du weißt, dass du hungern musst,
wenn du nichts oder wenig verdienst. Weil es keine Sozialhilfe gibt, nicht
einmal Suppenküchen. Aber eines Tages bleibst du liegen und träumst: Wie
kann ich dem Slum entkommen? Vielleicht so:

»Es war einmal ein Junge, der lebte mit seinen sieben Geschwistern in der
Armut einer ‘Villa Miseria, am südlichen Stadtrand von Buenos Aires. Seit
er laufen konnte, spielte der Junge mit dem Fußball. Als er neun Jahre alt
war, wurde er beim Spielen mit seiner Straßenmannschaft ‘Estrella Roja’ von
einem Talentsucher
des Erstligisten ‘Argentinos Juniors’ entdeckt und verpflichtet. Fortan
spielte er in der Kindermannschaft des Vereins. Diese ‘Los Cebollitas’ –
die Zwiebelchen
– blieben daraufhin 136 Spiele lang ungeschlagen und schnell nannte man
den Jungen nur noch ‘Pibe de oro’ – Goldjunge. (1) Und am Ende war er einer
der berühmtesten Fußballer der Welt.« Sein Name? Diego Maradona. Er
schaffte es raus.

Und du träumst weiter: Es waren zwei Kinder, die hießen Rubina Ali
Qureshi, sie war neun Jahre alt, und Azharuddin Ismael Shaikh, zehn Jahre –
zwei Straßenkinder in den Slums von Mumbai. Plötzlich stand der Regisseur
Danny Boyle vor ihnen und fragte: »Wollt ihr im Film »Slumdog Millionär«
mitspielen? « Und sie sprachen: »Ja, wir wollen!« Der Film bekam acht
Oscars und vier Golden Globes und spielte 380 Millionen Dollar ein. Sie
wurden Stars. Trotzdem mussten sie zurück in ihren Slum, und eines Tages
kamen Bulldozer der »Kampagne gegen illegale Behausungen « und rissen ihre
Hütten ein. Nun hausten sie mit ihren Familien unter Wellblech, Abdeckplane
und Bambus. Als das die Weltöffentlichkeit erfuhr, brach ein Sturm der
Entrüstung los. Die Produzenten des Films richteten einen Fonds zur
Ausbildung der beiden Kinder ein, und dann zogen sie aus, und alles war
gut.

Solche Geschichten gibt es menschseidank viele: Von Kindern, die es
schafften, als Rapper, Base- und Basketballer, als Schauspielerin oder
Model, zu entkommen.
Oder sie gingen zur Armee oder zur Tropa de Elite. Und manchmal gelang
einem Mädchen dank exzellentem Zeugnis der Sprung in eine Stelle als
Programmiererin. Nicht zu vergessen die Mikrokreditprogramme, die vielen
Slum-Frauen (und fast
keinem Mann) geholfen haben, sich als Näherin, Köchin, Händlerin
selbständig zu machen. Aber diese Wenigen gleichen Tränen im Ozean der
Milliarde Menschen, die es nicht schaffen und auch nicht schaffen können –
und täglich werden es mehr.

Kollektive Flucht

Bisweilen kämpfen Slum-Menschen erbittert gegen Bulldozing, das
Niederreißen ihrer Hütten, wie soeben 2.000 im Slum
Quezon/Manila/Philippinen. Sie wollen bleiben, weil die Aussiedlung das Aus
bedeutet. (2)

Politische Exodus-Bewegungen hingegen sind tot. Frühere Ghetto-Aufstände,
z.B. die »Los Angeles Riots« von 1992, zerstörten die eigene Infrastruktur:
Man plünderte und legte Brände. Auch in den Riots von 1966 brannten in 38
Metropolen immer nur die Ghettos der Schwarzen – als ob die Ghettoisierten
ihre Ghettos durch Abfackeln auflösen wollten. In die Normalität zu
entkommen gelang immer nur der Revoluzzer-Prominenz.

Bleibt der Weg der Bandenbildung, wie z.B. die »Bloods und Crips« oder der
»Mara Salvatrucha« in Los Angeles/South Central. Aber auch hier gilt: Reich
werden die Anführer; der Rest der jungen Männer bleibt auf der Straße bis
sie sterben, und das geht schnell.

Ausweg: Verhinderung von Slums

Seit längerem wird ein neuer Hoffnungshorizont ins Spiel gebracht: Das
Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). In einem slum-ähnlichen
1.200-Menschen- Dorf namens Otjivero/Namibia lief sogar ein zweijähriger
Menschenversuch. Der Ausgang bleibt ungewiss. (3)

Dabei gibt es langjährige BGE-Erfahrungen. Mensch braucht nur in die
Pine-Ridge-Reservation der Oglala-Sioux in Custer County, South-Dakota/USA
fahren. Dort leben auf 10.000 qkm 45.000 Native Americans – so gut wie alle
von Sozialhilfe und Renten, ergänzt durch kostenlose Gesundheitsversorgung
und Wohnungsbeihilfen. Die Sozialhilfe ist de facto bedingungslos, weil es
schlicht keine Projekte gibt, in denen Workfare, die US-Arbeitspflicht,
abgeleistet werden könnte. Und reguläre Stellen gibt es fast nur bei der
Stammesverwaltung oder Zentralregierung.

Theresa Two Bulls, Präsidentin der örtlichen Sioux, beurteilt deren Lage
als »Kultur der Verzweiflung und Abhängigkeit«: »Die Regierung wollte uns
das Gefühl vermitteln, wir seien besiegt. Das wurde uns regelrecht
beigebracht. Sie gaben uns Sozialhilfe, und wir lebten von Sozialhilfe.
Einige von uns können gar nicht mehr arbeiten, die wissen gar nicht mehr,
wie das geht. Sie sind es gewohnt, einfach nur den ganzen Tag zuhause zu
bleiben, fernzusehen und zu trinken. Wir sind da, wo sie uns haben
wollten.« Das BGE als menschenverachtende Aufbewahrungsstrategie für alle,
die das System nicht mehr braucht?

Die Wohnungsnot und die verschimmelten Häuser sind für Two Bulls ein
Ausdruck für das verlorene Selbstbewusstsein der Menschen. Vor allem Sioux-
Frauen wehren sich gegen die apathisierenden Wirkungen des
Sozialhilfe-Tropfes. Sie versuchen, ihre Kinder zum Leben aus eigener Kraft
zu erziehen. Two Bulls zeigt stolz auf das Bild einer adretten jungen Frau:
»Sie hat sich für ein paar weitere Jahre verpflichtet und ist jetzt in
Afghanistan. Danach will sie in der Army bleiben. Wenn nicht, müsste sie
wieder zu mir ziehen. Der andere Enkel steht auch in Afghanistan – er sagt
dasselbe.« Tja – den Ausweg aus dem Reservat bietet hier – vielleicht – die
US-Army, bestimmt nicht das BGE. (4)

Wanderarbeit

In einem Kapitalismus ohne soziale Sicherungssysteme funktionieren Slums
über deren Eingebundensein in den (Re-)Produktionsprozess des Kapitals.
Solange die abermillionenfache Arbeits- und Dienstleistung kleiner
Werkstätten, Läden und Einzelpersonen am Markt verkauft werden kann,
gelingt das karge Überleben am Hungerniveau. Wichtig: Die Lohnarbeit muss
Handarbeit sein, allenfalls gering mechanisiert.

Es gibt nun ein Land, China, in dem es augenscheinlich keine Slums gibt,
obwohl es sie geben müsste. China ist zudem Kapitalakkumulationsweltmeister
– paradoxerweise unter der autoritären Führung durch die Kommunistische
Partei. Warum in China keine und in Indien viele Slums?

Der Schlüssel zum Verständnis ist das chinesische Modell der Wanderarbeit,
in das 251 Millionen Menschen eingebunden sind. Dessen Grundvoraussetzung
war die Auflösung der Volkskommunen; bis 1978 waren sie die
Überlebensgrundlage und Altersversorgung der Landbevölkerung. Heute besteht
die gesamte soziale Sicherung aus einem auf 15 Jahre oder länger begrenzten
Nutzungsrecht an 1 Mü (=
666 qm) Ackerland pro Person. Eine vierköpfige Familie kann einschließlich
der Nutzungsrechte der Großeltern maximal auf eine Anbaufläche 5.000 qm
kommen. Das reicht für eine ärmliche Selbstversorgung plus einem Ertrag aus
Überschüssen von monatlich 33 Euro – für alle sechs. Folge: Die
arbeitsfähigen Familienmitglieder
müssen aus schierer Not auf Wanderung gehen.

Als repräsentativ gilt das Dorf Yi Ning. Dort wandern 600 von 2.100
Menschen, 80 v.H. der Wandernden weit weg. Wer kann, will weggehen, und wer
wandern gehen darf, wird oft durch das Los bestimmt. Jedes zweite Haus ist
neu gebaut oder renoviert. Faustregel: Ein Neubau kostet umgerechnet 22.200
Euro und erfordert den Lohn aus 200 Monaten Wanderarbeit. Die Leute gehen
gut gekleidet durchs Dorf und sind mit Haushaltsgeräten und Fernseher
ausgestattet. Wehe denen, die nicht wanderarbeiten können. Dazu kommt die
Einkind-Politik. Vor 30 Jahren begründet, wirkt sie als staatliche
Geburtensteuerung; sie hat bis heute etwa 400 Millionen Geburten
verhindert.

Drittes Merkmal ist das Niederlassungsverbot, genannt »Hukou«. Das Wort
besagt »eingetragener ständiger Wohnsitz« und bindet die Landbevölkerung an
deren Wohnorte. Zwar können sie anderswo arbeiten, aber nach Ablauf des
Arbeitsvertrags müssen sie zurück in ihre Heimat.

Viertens, die Sonderwirtschaftszonen: Dort sind soziale,
arbeitsrechtliche, Lohn- und ökologische Standards außer Kraft gesetzt. Das
aus- und inländische Kapital produziert in diesem Ausnahmezustand extrem
kostengünstig. Wichtig: Die Produkte sind Ergebnisse von gering
mechanisierter Handarbeit. Die 251 Mio. WanderarbeiterInnen können trotz
fehlender Ausbildung Arbeit finden. Derzeit werden in riesigen staatlichen
Berufsbildungsprogrammen Millionen auf höherwertige Fabrikate umgeschult,
und die Löhne steigen.

Indien als gigantische Slumerzeugungsmaschine

Wie funktioniert die indische Wanderarbeit? Nun, ebenso wie in China gibt
es auf dem Land so gut wie keine Systeme der sozialen Sicherung und auch
kein eingetragenes Bodeneigentum. Die sinkende Geburtenrate liegt knapp
unter 3 Kindern pro Frau. Ein Drittel ist jünger als 15 Jahre.
Sonderwirtschaftszonen entstehen durch brutalste Enteignungen der
Kleinbauern. Bestenfalls bekommen sie eine kleine Abfindung und werden dann
sich selbst überlassen. Unterschied: Die Zonen-Fabriken laufen
automatisierungstechnisch auf Weltniveau; sie benötigen
kaum Handarbeit und somit auch keine unausgebildeten Arbeitskräfte. Kein
»Hukou«-System behindert das Strömen der Enteigneten und Arbeitsuchenden.
Die Not treibt sie in die Slums der Mega-Städte. Die Slums wuchern – in
kapitalistischen Verhältnissen, die paradoxerweise in eine parlamentarische
Demokratie eingebettet sind.

Summa: Ein Entkommen aus den Slums kann nur durch Verhinderung oder
behutsame Auflösung bestehender Slums erreicht werden. Der Königinweg geht
über eine gesamtwirtschaftliche Organisation der Arbeitsprozesse, die
Ausbildungsstand und Anzahl der Arbeitskräfte mit dem
gesamtwirtschaftlichen Bedarf an Waren und Dienstleistungen in
Übereinstimmung bringt; dazu kommen Berufsförderungs- und
Umschulungsprogramme. Die Niederlassungsfreiheit muss behutsam auf die
ökosoziale Aufnahmefähigkeit der Regionen abgestimmt werden. Danach regelt
sich die Geburtenrate von selbst. All dies ist in einer deregulierten
kapitalistischen Ökonomie völlig undenkbar.

Geschieht das nicht, wird die jetzt noch in zahlreichen Nischen
produzierende Slum-Ökonomie durch kapitalistische Großbetriebe
niederkonkurriert, was in Indien längst begonnen hat, und zwar in den drei
Standbeinen der Slum-Ökonomie: Einzelhandel, Textilproduktion und
Recycling. Hier kommt als Alternative die Perspektive einer modernen,
kooperativen Subsistenzlebensweise ins Spiel. Abermillionen werden sterben,
wenn dieser Systemwechsel nicht gelingt.

Mehr dazu im Teil 4.

Anmerkungen:
1) vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Diego_Maradona
2) vgl.
www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2010/09/23/International/Verletzte-bei-
Slumraeumung-in-Manila
3) Angesichts der Menge des Materials müsste gesondert berichtet werden:
vgl. www.bignam.org/
Publications/BIG_Assessment_report_08b.pdf
4) vgl. Chris McGreal: Giftiger Schwarzer Schimmel. In: der Freitag Nr. 6,
11.2.2010, S.10

Fortsetzung Teil 4:
Wie den abendländischen Ghettos entkommen?
Ein Blick zurück: Über die Verarmungsbewältigungsstrategien aus der Zeit
des New Deal. Welche Rolle kann eine Solidarische Ökonomie spielen?


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