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 <s.polster ät GAIA.de>1. Nov 2011 00:00

Wildview: Farbenspiele

Wildview

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Farbenspiele 30. September 2011

Posted: 31 Oct 2011 02:58 AM PDT


Der Blick aus der offenen Seitent|+r des kleinen Wasserflugzeugs ÔÇ×BeaverÔÇ£
ist in vielerlei Hinsicht gewaltig. Seit fast einer Stunde gleiten wir |+ber
die endlos erscheinende Weite der borealen W|ñlder im kanadischen Quebec.
Die bewohnten Regionen haben wir l|ñngst hinter uns gelassen, doch der
Einfluss des Menschen ist allgegenw|ñrtig. Wegen unseres Hungers nach
Rohstoffen fressen sich die Erntemaschinen der Holzkonzerne immer weiter in
Richtung Norden und hinterlassen dabei ein Bild der Verw|+stung, welches man
aus dem Flugzeug mit ungefilterter Wucht zu sehen bekommt. Seit den 1970ern
wurde allein in Quebec Urwald auf einer Fl|ñche der sechsfachen Gr|Â|ƒe
Belgiens zerst|Ârt. 88% der Staatsw|ñlder sind zum Einschlag freigegeben.
|£ber 90 % davon werden im ber|+chtigten ÔÇ×ClearcutÔÇ£ Verfahren geerntet.


Alle B|ñume verschwinden dabei, zur|+ck bleibt aufgerissener Boden und |ûdnis.
Weiter im S|+den sind inzwischen neue W|ñlder entstanden. Die Natur kann sich
innerhalb dieses |ûkosystems teilweise erneuern. Dies ist wohl auch der
Grund, weshalb es gerade innerhalb der kanadischen Gesellschaft so schwer
ist, die Problematik der v|Âllig |+berzogenen Holzwirtschaft ins Bewusstsein
der Menschen zu bringen. Der Wald kommt doch zur|+ck, alles halb so schlimm.
Wie gro|ƒ die Unterscheide zwischen den relativ artenarmen Neuw|ñldern und
dem urspr|+nglichen Urwald sind, sollte ich in den vor mir liegenden Tagen
ausreichend zu sehen bekommen.


Irgendwann |ñndert sich das Bild, die Rohdungsfl|ñchen verschwinden und keine
Stra|ƒen zerschneiden mehr den unter uns liegenden, gr|+nen Teppich aus
B|ñumen. Das flache Land beginnt sanfte Wellen zu schlagen und am Horizont
sehen wir zwischen all den B|ñumen, Fl|+ssen und Seen den eine oder anderen
Felsen die Baumgrenze |+berragen. Wir n|ñhern uns langsam den ÔÇ×White
MountainsÔÇ£, dem Ziel unserer Reise. Dieses 14.000 qkm gro|ƒe Gebiet ist
einer von zwei verbliebenen gro|ƒfl|ñchigen Urw|ñldern in Quebec. Eine Insel
der Artenvielfalt, umgeben von der Monotonie menschlicher Habsucht. Eine
laufende Greenpeace-Kampagne hat zum Ziel dieses Gebiet unbedingt vor der
S|ñge zu bewahren. Hier ist eines der letzten, intakten Brutgebiete-áder
scheuen und vom Aussterben bedrohten Waldkaribus. Ihr Lebensraum ist vom
Menschen inzwischen so fragmentiert worden, dass die Tiere zu verschwinden
drohen

Mit dem leiser werdenden Propellerger|ñusch des Flugzeugs, werden auch meine
Gedanken |+ber alle Umweltprobleme weniger dominant. Ich stehe am Ufer einer
der unz|ñhligen Seen und beginne recht schnell, mit allen Sinnen in diese
Wildnis einzutauchen. Mein Blick schweift |+ber die Wasserfl|ñche. Am anderen
Ende s|ñumen Fichten das Ufer,die sich wie ein Schutzmantel um die Berge
schmiegen.


Hin und wieder sprengen goldene Flecken das Meer aus Gr|+n. Herbstlich
gef|ñrbte Birken und L|ñrchen wachsen in dieser Region nur recht sp|ñrlich.
F|+r die kommenden neun Tage ist die Welt f|+r mich ÔÇ×heilÔÇ£. Harmonie und
Gleichgewicht umgeben mich. Alles hat seinen Platz nichts ist |+berfl|+ssig
oder sch|ñdlich. Jeden Tag verbringe ich mit Streifz|+gen in die W|ñlder oder
paddle mit dem Kanu auf nat|+rlichen Kan|ñlen zwischen den gr|Â|ƒeren Seen.
Damit kann ich meinen Aktionsradius wesentlich erweitern. Als Camp dient
mir eine verlassene Blockh|+tte, in der ich bei Regen Schutz finde und an
deren Ofen mir an manch k|+hlem Abend ein w|ñrmendes Feuer die m|+den Knochen
w|ñrmt.


Wege oder Pfade gibt es keine. Jeder Meter muss erk|ñmpft werden. Wildnis im
borealen Wald bedeutet eine |+ppige Vegetation im Unterholz. Manchmal wegen
ihrer Dichte schwer zu durchdringen, manchmal wegen ihrer Sch|Ânheit fast zu
fragil und verletzlich, um dar|+ber zu trampeln. Dicke Teppiche aus Moosen
und Flechten |+berziehen den Waldboden, Pilze wachsen in vielen Formen und
Gr|Â|ƒen im Moos und auf totem Holz. In strahlendem rot leuchten die B|+sche
der Blaubeeren, die mit ihrer Frucht wiederum Kontraste setzen. Die
Vielfalt der Vegetation in all ihren Formen und Farben wirkt fast
berauschend. Erst im Wald erschlie|ƒt sich dem Wanderer die volle
Farbenpracht des Indian Summers. Ich merke sehr schnell, das ich genau zur
rechten Zeit in den White Mountains bin. Die F|ñrbung ist massiv und erst
gegen Ende meines Aufenthaltes haben die einsetzenden Herbstst|+rme die
Bl|ñtter von den B|ñumen und B|+schen so dezimiert, dass die beste Zeit zum
Fotografieren vorbei ist.




Wegen des rauen, n|Ârdlichen Klimas sind die B|ñume nur noch recht mickrig.
Selbst Jahrhunderte alte Patriarchen werden hier nicht sehr gro|ƒ. Umso
unverst|ñndlicher ist es, dass selbst hier im hohen Norden die B|ñume nicht
vor der Rohdung sicher sind. Es ist die pure Anzahl, die den Holzfirmen die
Gewinne sichern. Millionen kleiner B|ñume liefern genug Masse, um die
unterschiedlichsten Dinge zu produzieren, welche wir ÔÇ×VerbraucherÔÇ£ ohne
viel Nachzudenken konsumieren, und dann meist nach einmal benutzen,
wegschmei|ƒen. M|+ssen es beim B|ñcker f|+r f|+nf verschiedene Teilchen drei
verschiedene Papiert|+ten sein? Papier zum H|ñnde trocknen f|+r Millionen
Angestellte, Sch|+ler oder Reisende in B|+rogeb|ñuden, Schulen, Rastst|ñdten
und anderen Orten des |Âffentlichen Lebens? Toilettenpapier will ich ja gar
nicht in Frage stellen, das brauchen wir. Aber wenn schon dann bitte aus
recyceltem Zellstoff. Das spart Wasser & Energie und nimmt den Druck von
den letzten Urw|ñldern. Richtig erschaudern l|ñsst mich der Gedanke, dass
gerade im Kampf gegen den Klimawandel das Thema ÔÇ×BiomasseÔÇ£ eine akute
Gefahr f|+r den Urwald geworden ist. Nachdem der Bauboom in Nordamerika
wegen der Finanzkrise vorbei ist und kaum noch Holz zum H|ñuserbau verkauft
wird, sehen die Strategen in den Konzernen im Klimaretten ein neues
Gesch|ñftsmodell. Wald roden um klimafreundliche Energie zu schaffen! Der
Druck auf die W|ñlder steigt dadurch gewaltig, und zwar weltweit. Dieses
Problem ist auch recht schwer in der gesellschaftlichen Diskussion
vermittelbar. Die Energiethematik ist extrem vielschichtig, wie man auch an
der heimischen Diskussion |+ber Windkraftanlagen sehen kann. Im Prinzip will
sie jeder haben aber bitte nicht vor der eigenen Haust|+r.


Der h|Âchste Berg in den White Mountains ist etwas mehr als tausend Meter
hoch und |+berragt die Baumgrenze soweit, dass ich von den Gipfeln sch|Âne
Blicke |+ber die Landschaft fotografisch festhalten kann. Ich packe neben
der Fotoausr|+stung Zelt, Schlafsack und ausreichend Nahrungsmittel in den
Rucksack und paddle auf die andere Seite des Sees. Der Aufstieg ist m|+hsam
aber wegen der kleinen H|Âhenunterschiede von wenigen hundert Metern in
knapp zwei Stunden gemeistert. In einer vom Wind gesch|+tzten Kuhle schlage
ich das Zelt auf, und mache mich dann in aller Ruhe daran auf Motivsuche zu
gehen. Auf dem Bergr|+cken habe ich einen Spielraum von wenigen hundert
Metern, so dass schnell klar ist, an welchen Stellen ich mich w|ñhrend der
magischen Minuten des Sonnenunterganges aufhalten werde. Die Zeit bis es
dann soweit ist verbringe ich mit purem entspannt-sein.


An den Blicken, auf die vom Menschen unber|+hrte Natur, kann man sich kaum
satt sehen. Hektisch wird es nur, wenn das Licht dann tats|ñchlich perfekt
ist. Je nach Wolkenlage sind es oft nur kurze Augenblicke. W|ñhrend denen
m|Âchte man dann am Liebsten an allen Stellen gleichzeitig sein. Da hei|ƒt es
Ruhe bewahren, und ein Motiv nach dem Anderen abarbeiten. Solange, bis das
Licht unbrauchbar geworden ist. Selbst nach Sonnenuntergang kann man mit
l|ñngeren Belichtungszeiten experimentieren, und bekommt je nach Motiv noch
erstaunliche Ergebnisse. An diesem Abend bin ich recht zufrieden im
Schlafsack verschwunden. Mein kleiner Wecker war gestellt, um vor
Sonnenaufgang wieder an der Kante zu stehen und das Licht von der anderen
Seite in Motive zu packen. Doch, wie so oft in der Naturfotografie kommt es
anders als man denkt oder sich w|+nscht. Eine dicke Nebelsuppe liegt am
Morgen |+ber der Landschaft. Der Blick f|ñllt ins Nichts. Ich schalte den
Wecker aus und schaue im Halbschlaf alle paar Minuten aus dem Zelt, ob sich
nicht doch noch was tut. Am Ende der Tour bin ich |+ber den Nebel gar nicht
ungl|+cklich, denn beim Abstieg erweist sich die graue So|ƒe als perfekte
Zutat f|+r atmosph|ñrische Fotos innerhalb des Waldes. So kann man fast jede
Wetterlage f|+r bestimmte Aufnahmesituationen nutzen. Nur ein blauer,
wolkenloser Himmel ist bei mir |ñu|ƒerst unbeliebt. Der ist nur langweilig
und kaum zu gebrauchen.

Gerade die wolkenlosen, langweiligen Tage sind es, die mir aufregende,
unvergessliche N|ñchte beschert haben. Die klare Luft sorgt f|+r ein
absolutes Spektakel am Nachthimmel. Es ist kurz nach Neumond. Kein
|+berfl|+ssiges Streulicht tr|+bt die Leuchtkraft der unendlichen Sternenmeere
|+ber mir. Die alten mit Flechten behangenen B|ñume bilden skurrile
Silhouetten und schaffen mystische Motive. Als dann im Norden die ÔÇ×Aurora
BorealisÔÇ£ ihren lautlosen Tanz beginnt und gr|+ne und rote Schleier |+ber den
Nachthimmel zaubert, ist das an Intensit|ñt fast nicht zu steigern.


Es ist in dieser Nacht absolut Windstill und die Ruhe wirkt fast k|Ârperlich
greifbar. Ein Kauz sitzt nur wenige Meter |+ber mir auf einen Ast und l|ñsst
sich durch das Klicken meiner Kamera nicht aus der Ruhe bringen. Bis sp|ñt
in der Nacht wandle ich zwischen den stummen h|Âlzernen Kameraden umher,
genie|ƒe das Schauspiel-á und probiere verschiedene Aufnahmetechniken aus. So
h|ñlt jeder Tag gro|ƒe und kleine Wunder f|+r mich bereit und macht den
Aufenthalt in den White Mountains absolut zauberhaft.

Als dann am letzten Abend ein leichter Nieselregen einsetzt, der mit
zunehmender K|ñlte in Schnee |+bergeht, habe ich beim Einschlafen eine
Vorahnung. Der kommende Morgen k|Ânnte die Motivpalette nochmals um eine
weitere Facette bereichern. Ich kann mein Gl|+ck kaum fassen als ich dann
wenige Stunden sp|ñter, noch vor Sonnenaufgang, durch eine v|Âllig ver|ñnderte
Umwelt laufe. Einem Seidenschal gleich hat sich eine zarte wei|ƒe
Schneeschicht |+ber die Welt gelegt.


Die Luft ist glasklar und das, durch das neue Element durchschimmernde
Herbstkleid der Natur, setzt tolle Kontraste. Immer nur an wenigen
Augenblicken blitzt sp|ñter die Sonne durch die Wolken und bringt Farben zum
Leuchten. Als ich nach f|+nf Stunden ersch|Âpft und zufrieden zum Camp
zur|+ckkehre, ist der Winter schon wieder verschwunden. Die Kraft der Sonne
hat sich nochmals durchgesetzt und es bei einer kurzen Ahnung belassen, wie
es hier in den kommenden Monaten aussehen wird. W|ñhrend ich wieder im
Flugzeug sitze und nach einiger Zeit die ersten Forststra|ƒen sehe, sind
Klopapier, Kaffeebecher & Co. sofort wieder ganz pr|ñsent.


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