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Auswahl: [Greenpeace e.V.]
 <s.polster ät GAIA.de>4. Nov 2011 00:00

Markus Mauthe/Wildview: Plan B

Wildview

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Plan B 15. September 2011

Posted: 31 Oct 2011 03:15 PM PDT
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Eine ereignisreiche Zeit in den ÔÇ×White MountainsÔÇ£ liegt hinter mir. Es
ist mir recht gut gelungen das ÔÇ×WesenÔÇ£ des nordischen Waldes in
Bildern einzufangen, doch eine Aufgabe ist noch unerreicht. Ich habe, wie
zu erwarten war, keine Waldkaribus gesehen, geschweige denn fotografiert.
Diese Tiere sind aber f|+r die Greenpeace-Kampagne zur Rettung der letzten
Urw|ñlder in Quebec ein wichtiges Symbol. Anhand ihres Verschwindens in
weiten Teilen der degradierten, kanadischen W|ñlder, kann man wunderbar
die Wertigkeit einer unber|+hrten Wildnis erkennen. So hatte ich meinen
Kollegen vom Greenpeace B|+ro in Montreal versprochen, alles mir m|Âgliche
zu versuchen, Waldkaribus vor die Kamera zu bekommen. Daf|+r habe ich im
Vorfeld einen Ersatzplan zur Region der ÔÇ×wei|ƒen BergeÔÇ£ erarbeitet,
der mir dieses Ziel zumindest in realistische N|ñhe bringen sollte.


Vom franz|Âsischen Sprachraum in Quebec f|+hrt mich mein Weg ins
englischsprachige Ontario. Am-á Ufer des drittgr|Â|ƒten Sees der Erde, dem
ÔÇ×Superior LakeÔÇ£, blicke ich hinaus aufs Wasser. Mit einer Ausdehnung
von bis zu 560 km hat dieser Riese den Charakter eines Ozeans. Ein
gravierender Unterschied ist das trinkbare Wasser. In einer Entfernung von
10 km ragen Inseln aus der Gleichf|Ârmigkeit des Horizontes in den Himmel.
Die Felsengruppe nennt sich ÔÇ×Slate IslandÔÇ£ und ist das |£berbleibsel
eines vor Urzeiten eingeschlagenen Meteoriten. Bevor er durch die Elemente
im Laufe der Jahrmillionen abgeschliffen wurde, hatte der Krater einen
Durchmesser von 32 km. Heute bedecken knapp 7000 Hektar Wald die Inseln,
die seit 1985 in Form eines ÔÇ×Provincal ParkÔÇ£ gesch|+tzt sind. Ein
gl|+cklicher Zufall macht ÔÇ×Slate IslandÔÇ£ f|+r mich zum lohnenswerten
Reiseziel. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, w|ñhrend eines besonders
harten Winters, kam eine Herde Waldkaribus vom Festland |+ber das Eis auf
die Inseln. Die Tiere fanden hier reichlich Nahrung und sind geblieben. Um
das Jahr 1990 sollen es bis zu 650 Karibus gewesen sein. Da war es nicht
verwunderlich, dass es einige Zeit sp|ñter zu einer gro|ƒen Reduzierung
durch eine Hungersnot gekommen ist. Die Tiere wurden damals auf etwa 100
Exemplare dezimiert. Ein ÔÇ×endlicherÔÇ£ Lebensraum vertr|ñgt nun mal nur
eine gewisse Anzahl von ÔÇ×NutzernÔÇ£ seiner Kapazit|ñten.


Im Sommer werden die Inseln gerne von Naturfreunden besucht, die hier mit
dem Kanu zwischen den acht Inseln hin und her paddeln. Es ist jetzt Anfang
Oktober und die Saison ist vorbei. Nur mit Gl|+ck habe ich einen Charter
Service gefunden, der bereit war sein Boot nochmals auszupacken, um mich
auf die Inseln zu bringen. Gary garantiert mir dann auch, dass ich die
kommenden sieben Tage ganz alleine mit den Tieren sein werde. Er setzt
mich am Steg nahe einer alten Forsth|+tte ab, die von einer privaten
Initiative restauriert wurde, um V|Âgeln wie mir Schutz zu bieten.
Sonstige touristische Einrichtungen gibt es auf ÔÇ×Slate IslandÔÇ£ nicht.
Bis ins Jahr 1940 wurden die Buchten der Inseln als Zwischenlager f|+r
gro|ƒe Baumst|ñmme genutzt, die |+ber die Wasserfl|ñche gezogen wurden, um
sie in die benachbarte USA zu verkaufen. Ein paar verfallene Stege und
verlassene H|+tten zeugen heute noch von diesen T|ñtigkeiten. Um w|ñhrend
der kommenden Tage beweglich zu sein, hat Gary mir ein Kanu zur Verf|+gung
gestellt, mit dem ich von Insel zu Insel paddeln kann. Da bin ich nun,
umgeben von Wasser und Wald. Die Waldkaribus sind nun in der N|ñhe und
doch meist f|+r mich unsichtbar. Den Rest des ersten Tages verbringe ich
damit, mit dem Kanu verschiedene Inseln zu umrunden, um mich mit den
Gegebenheiten vertraut zu machen. Ich meide dabei die |ñu|ƒeren
K|+stenlinien, um mich nicht dem Risiko gr|Â|ƒerer Wellen auszusetzen.


Der Wald leuchtet im herbstlichen Farbenkleid. Da es hier, wegen der
offenen Wasserfl|ñche, recht oft ordentlich windet, weisen manche B|ñume
schon gro|ƒe L|+cken im Bl|ñtterdach auf. Der Anteil an Laub und
Nadelb|ñumen ist relativ gleichm|ñ|ƒig verteilt. Mein erstes Karibu sehe
ich im Wasser wie es von einer zu einer anderen Insel schwimmt.


Die M|ñnnchen mit ihren gro|ƒen Geweihen sind dabei kaum zu |+bersehen.
Gute Bilder lassen sich aus dem Kanu aber nicht machen. Als ich am Abend
in der H|+tte sitze, ahne ich bereits, dass es kein Zuckerschlecken werden
wird, vern|+nftige Fotos von diesen Tieren zu bekommen. Der Blick auf eine
Karte zeigt mir diverse kleine Seen und Moore auf der Hauptinsel. Es kann
sich dabei h|Âchstens um eine Distanz von einem Kilometer vom Ufer zu
einem dieser offenen Stellen im Wald handeln. Da ich mir vorstelle, dass
die Tiere sich vielleicht gerne an weniger dicht bewachsenen Stellen im
Wald aufhalten, beschlie|ƒe ich am kommenden Morgen dorthin zu wandern.
Ich packe mein Tarnzelt und etwas zu Essen in die Fototasche und setze mit
dem Kanu |+ber zur Hauptinsel. Nachdem ich das Kanu sicher am Ufer vertaut
habe, trete ich ins Dickicht des Waldes ein. Es ist nur etwa ein
l|ñcherlicher Kilometer zu bew|ñltigen. Nach einer knappen Stunde gebe ich
schweren Herzens auf. Es ist unglaublich, wie dicht und undurchdringlich
das Unterholz hier ist. Der Wald wei|ƒt ganz viele Merkmale eines Urwaldes
auf, ohne wirklich einer zu sein. Das Clearcut Verfahren wurde hier nie
zur Anwendung gebracht, doch degradiert ist der Wald allemal. So gibt es
durch Windbruch oder Schneefall extrem viele umgeknickte B|ñume. An
nachwachsenden Stellen stehen die kleinen Fichten so dicht das einem die
Zweige st|ñndig das Gesicht verkratzen. Als ich sp|ñter versuche einen
Baum zu erklettern um mich zu orientieren, frage ich mich, wie es die
Tiere hier in diesem Wirrwarr |+berhaupt aushalten. Besonders in den
Monaten, in denen ihr Geweih richtig gro|ƒ gewachsen ist. Sp|ñter bin ich
froh, wieder an der richtigen Stelle das Ufer gefunden zu haben. Durch die
h|+gelige Geografie der Insel verliert man schnell den |£berblick. Nun bin
ich in den vergangenen acht Jahren durch alle gro|ƒen W|ñlder der Erde
gewandert, und ausgerechnet diese kleine Insel zwingt mich in die Knie.
Zum Gl|+ck war ich ja nicht hier um irgend jemand zu beweisen was f|+r ein
harter Kerl ich bin, sondern um gute Fotos von Karibus zu machen. W|ñhrend
meines Kampfes mit |aesten und St|ñmmen habe ich insgesamt f|+nf Karibus
aufgeschreckt, ohne auch nur ansatzweise in deren N|ñhe zu kommen. Karibus
sind eigentlich Herdentiere. Vielleicht ist es die spezielle Geografie
dieser Insel, die aus diesen Tieren auf ÔÇ×Slate IslandÔÇ£ Einzelg|ñnger
macht. Nur einmal habe ich drei Tiere auf einmal gesehen, ganz h|ñufig
sind sie Alleine.


So wird das nichts werden. Im Wald habe ich kaum eine Chance auf Erfolg.
Ich brauche einen f|+r mich relativ leicht erreichbaren Ort, an dem ich
auf die Tiere warten kann, und es einigerma|ƒen sicher ist, dass er auch
von ihnen frequentiert wird. Gary meinte, als er mich auf die Inseln
brachte, dass die Tiere immer an den Stellen, welche die k|+rzeste Distanz
zwischen den Ufern haben, hin und her schwimmen. Genau das wird mein
Ansatz. Am Morgen des dritten Tages steht mein Plan fest. An einigen
Strandabschnitten habe ich zumindest einmal Tiere an Land kommen sehen.
Einer davon war so ausgerichtet, dass ich ab dem fr|+hen Nachmittag
ertr|ñgliches Licht erwarten kann. Bei klarem Wetter wird dieser Teil der
Insel direkt von der Abendsonne in warmes Licht getaucht. Den auf einer
Nachbarinsel gelegenen Ort erreiche ich, von meinem Camp ausgehend, mit
einer halben Stunde kr|ñftigen Paddelns. An einem Felsen, der den
Strandverlauf f|+r einige Meter unterbricht, baue ich mit herabh|ñngenden
Zweigen und aufgelesenem Todholz ein nat|+rliches Versteck, welches mich
vor den Blicken der Tiere sch|+tzen soll. Ich bin erstaunt wie scheu die
Karibus sind, obwohl sie hier keine nat|+rlichen Feinde haben. Wer gute
Tieraufnahmen machen m|Âchte, muss geduldig sein. Nun beginnt f|+r mich
das gro|ƒe Warten. Die verbleibenden f|+nf Tage verbringe ich zwischen
sechs und zehn Stunden im Unterstand und hoffe auf den gro|ƒen Moment, an
dem sich gutes Licht mit erw|+nschtem Motiv vereint. Ich werde t|ñglich
ein bis vier Mal Karibus sehen.


Sie kommen entweder aus dem Wald, um die Insel zu verlassen, oder
schwimmen heran um wenige Augenblicke sp|ñter im dichten Unterholz zu
verschwinden. Meist passiert f|+r viele Stunden gar nichts. Viele Szenen
mit Einzeltieren sind unspektakul|ñr oder das Licht ist nicht sch|Ân.
Zweimal laufen gro|ƒe Bullen so nah an meinem Versteck vorbei, das ich sie
erst wahrnehme als sie schon fast im Wasser verschwunden sind. Tag Vier
sollte mein Hauptgewinn sein. Gegen Abend laufen zwei Tiere, vom anderen
Ende des Strandes kommend, am Waldrand entlang. Als sie nur noch wenige
Meter von mir entfernt sind |Âffnet sich die Wolkendecke und taucht die
Szene in warmes Licht.


Sie vollf|+hren keine dramatischen Bewegungen oder gar K|ñmpfe, sondern
verweilen nur vor der malerischer Waldkulisse. Es sollte meine sch|Ânste
Komposition bleiben. In der vorletzten Nacht ist der Mond fast gef|+llt
und nur wenige Wolken ziehen |+ber den Himmel. Schon in den vergangenen
Tagen war es mehr Sommer als nahender Winter und f|+r die Jahreszeit und
diese Breitengrade viel zu mild. Auf derselben Insel auf der auch mein
Fotoversteck liegt, habe ich einen Felsen entdeckt, der aus dem ansonsten
geschlossenen Bl|ñtterdach ragt. Dort klettere ich zum Tagesende hinauf um
zumindest einen Teil der Inselgruppe zu |+berblicken. W|ñhrend auf der
einen Seite die Sonne im Meer versinkt, erhebt sich gegen|+ber, mit zartem
Schein der Mond. An diesem Abend verzichte ich auf meine Kanutour zur|+ck
ins Camp und schlafe direkt am Strand unter dem Sternenhimmel. Das leichte
gleichm|ñ|ƒige Pl|ñtschern der Brandung begleitet mich in den Schlaf. Noch
in der Dunkelheit steige ich am n|ñchsten Morgen den Berg hinauf um den
neuen Tag auf dem Felsen willkommen zu hei|ƒen.

Als ich einige Tage sp|ñter die Fotos der Karibus im kanadischen
Greenpeace B|+ro pr|ñsentiere, blicke ich in sehr erfreute Gesichter.
Hoffen wir, dass die Kollegen mit ihrer Kampagne zur Rettung der borealen
Urw|ñlder erfolgreich sind. Sonst kann es sein, dass in zwanzig Jahren
dieser zuf|ñllige Lebensraum auf ÔÇ×Slate IslandÔÇ£ eine der wenigen
verbleibenden Inseln (in wahrsten Sinne des Wortes) f|+r diese Tiere sein
wird.


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